16. Februar 2018 | Täterprofil Wirtschaftskriminalität | von Dr. Alexander Schuchter

“Es ist ganz klar, dass man belogen wird, wenn etwas versteckt wird. Das habe ich auch gemacht.”

Wirtschaftsstraftäter-Aussage | Eigene Befragung


Als ich die ersten Wirtschaftsstraftäter traf, hatte ich keine Ahnung, wie mich das verändern würde. Die überraschend offene Haltung der Verurteilten ermöglichte mir mehr als nur einen Einblick in ungeahnte Tiefen. Mein Verständnis von Wirtschaftskriminalität hat sich grundlegend verändert.

 

Was unterscheidet den Täter vom gewöhnlichen Mitarbeiter? Sind für die Tatbegehung Persönlichkeitsmerkmale entscheidend? Wie helfen Ihnen diese Erkenntnisse in der Unternehmenspraxis? Fest steht:

WENN SIE NICHT WISSEN, MIT WEM SIE ES ZU TUN HABEN, WIRD ES SCHWIERIG

  1. FÄHRTEN ZU LESEN,
  2. RISIKEN ZU BEURTEILEN
  3. UND SICH ZU SCHÜTZEN.

Durch Assessments auf wissenschaftlicher Basis ist es möglich verlässliche Psychogramme zu erstellen. Den ertappten Wirtschaftsstraftätern können dann bestimmte Persönlichkeitsmerkmale zugeordnet werden. Ist es somit auch umgekehrt möglich, gefährdete Mitarbeiter durch ihr auffallendes Profil zu erkennen?

Einerseits wäre eine solche Identifikations-Methode für die Prävention wegweisend. Dies würde die Personalrekrutierung, Kaderbesetzung, Kontrollsystem-Entwicklung, Risikobeurteilung und weitere Bereiche revolutionieren. Fraud-Aufdeckungen könnten damit massgeblich verbessert werden. Gäbe es da nur nicht einen Teufelskreis, der dieser Thematik innewohnt.

Wie sieht das Täterprofil aus?

Warum bringt das Persönlichkeitsprofil von Wirtschaftskriminellen einen Mehrwert für Sie und Ihre Management-Praxis?

Der Mehrwert sind eingeschränkte Vermögensschäden, niedrigere Reputations- und Haftungsrisiken. Zahlreiche Studien belegen, dass durchschnittlich jedes Unternehmen durch Wirtschaftskriminalität 5% VOM UMSATZ verliert!

Der Wirtschaftsstraftäter ist derjenige, der bewusst täuscht. Deshalb muss der Fokus auf ihn gerichtet sein. Wenn Sie wissen mit wem Sie es im Falle des Falles zu tun haben, verschafft Ihnen das einen entscheidenden Vorsprung. Denn die Motive und Erscheinungsformen des Täters sind wichtig, um ihm auf die Schliche zu kommen!

Studien belegen folgende Wesensmerkmale, die bei Wirtschaftskriminellen wiederholend erscheinen:

  • Einwandfreier Leumund
  • Missbraucht berufliche Position
  • Überdurchschnittlich gebildet und kreativ
  • Kriminelle Energie ist nicht wahrnehmbar
  • Stammt branchenunabhängig aus allen Fachbereichen
  • Betriebszugehörigkeit beträgt mehr als fünf Jahre

Warum ist das typische Täterprofil wenig erstaunlich? Der typische Wirtschaftsstraftäter entspricht grösstenteils dem gewöhnlichen Mitarbeiter. Aber eben nur „grösstenteils“. Denn es gibt sie, die Unterschiede.

Besonderheiten des Täters

“Wenn du den Feind und dich selbst kennst, brauchst du den Ausgang von hundert Schlachten nicht zu fürchten.”

Sun Tsu | Chinesischer Militärstratege

Ausgestrahltes Vertrauen

Selbst nach Dutzenden Gesprächen mit Wirtschaftskriminellen, war ich noch von ihrer unglaublich höflichen und charmanten Art beeindruckt. Damit ist es den Tätern möglich, das Vertrauen und die Sympathie des Gegenübers spielerisch zu gewinnen. Durch diese Charaktereigenschaft wird das Beurteilungsvermögen der Umgebung ein Stück weit ausser Kraft gesetzt.

Mit dieser gefährlichen Fähigkeit entsteht eine günstige Ausgangsposition für dolose Handlungen. Kontrollen werden beispielsweise vernachlässigt. Als Fraud-Untersuchungsleiter höre ich oft: „Diesen Mitarbeiter habe ich als sehr integre Person kennengelernt. Eine solche Straftat hätten wir ihm am wenigsten zugetraut.“

Wirtschaftskriminalität ist oft auf nicht zielgerichtete Kontrollen zurückzuführen. Das ist bei ca. 30% meiner Untersuchungen in der Unternehmenspraxis der Fall. Viele Studien belegen einen vergleichbaren Umfang. Hier ist beispielsweise die internationale ACFE-Befragung von mehr als 40’000 Experten aus dem Jahr 2015 zu nennen.

“Sie können die schönsten Handbücher und Arbeitsabläufe zeichnen, wenn es dringend ist und wenn es brennt, dann läuft es einfach anders.”

Wirtschaftsstraftäter-Aussage | Eigene Befragung

Tipp: Verbessern Sie Ihre Kontrollen fortlaufend! Seien Sie konsequent, auch dann, wenn eine Person als besonders vertrauenswürdig empfunden wird. Finden Sie eine angemessene Balance und prüfen Sie nicht exzessiv. Vertrauenswürdige Personen neigen nicht per se zu Wirtschaftskriminalität. Sensibilisieren Sie die entsprechenden Führungskräfte für diese Fertigkeit!

Sozialmanipulative Intelligenz

Bei den Täter-Treffen hatte ich nicht erwartet, Menschen mit so unterschiedlichen Charakteren und Wertvorstellungen zu begegnen. Schnell wurde mir klar, dass Wirtschaftskriminelle unterschiedliche Persönlichkeiten haben und keine einheitliche Gruppe darstellen.

Dennoch zeigen sich einige wiederkehrende Merkmale. Meine praktischen Erfahrungen spiegeln das Bild zahlreicher Studien wider, auf die ich im Rahmen meiner Forschung an der Universität St. Gallen (HSG) aufmerksam geworden bin.

Durch gezieltes Vortäuschen von Kooperation wird das berufliche Umfeld manipuliert. Ziel ist es, die eigenen Interessen auf Gedeih und Verderb durchzusetzen. Arbeitskollegen werden so für die eigenen Zwecke instrumentalisiert. Diese Eigenschaft wird als „sozialmanipulative“ oder „machiavellistische Intelligenz“ bezeichnet.

Der typische Wirtschaftsstraftäter durchschaut etablierte Prüfverfahren – sogar jene, die von erfahrenen forensischen Psychiatern entwickelt wurden. Denn auch ohne diagnostische Fragen zu kennen, wissen diese Individuen intuitiv, wie zu antworten ist. Sogenannte Business Scans, Integritätstests etc. werden damit unzuverlässig. Deshalb rückten etliche Unternehmen auch wieder davon ab.

Experten-Tipp: In Bezug auf Wirtschaftskriminalität sollten Sie mit Persönlichkeits-Messverfahren kritisch sein! Denn diese kommerziell vermarkteten Produkte verleiten zu katastrophalen Schlüssen. Zudem könnte eine Stigmatisierung das Unternehmensklima vergiften. Abgesehen von der Zweckmässigkeit oder moralischen Bedenken kommen auch datenschutzrechtliche Fragen auf. Zudem stellt sich die Frage, ob die Ausprägungen des typischen Täters einen Mitarbeiter disqualifizieren?

Davon zu unterscheiden sind die regulären Hintergrund-Checks, insbesondere für verantwortungsvolle Positionen. Beispielsweise gehören eine Prüfung des Strafregisters, der Nachweis von Originalzeugnissen etc. zu den wirksamen und berechtigten Verfahren!

Tätertypen der Schweiz

Nach dutzenden persönlicher Gespräche mit in der Schweiz verurteilten Wirtschaftsstraftätern haben sich mir wiederholende Wesensmerkmale gezeigt. Dadurch liessen sich Grundformen oder Prototypen ableiten. Diese sind je nach Täter unterschiedlich stark ausgeprägt.

Wenn Ihnen bereits ein Täter begegnet ist, können Sie Ihn bestimmt dem ein oder anderen der vier Typen zuordnen:

I. Der verunglückte Weisskragen

Der verunglückte Weisskragentäter ist aus seiner Sicht durch eine ungünstige Situation in einen Sog hineingeraten. Dieser Täter-Prototyp berichtet mir von einer enormen Drucksituation. Mit seinen dolosen Handlungen versucht er ein als ausweglos empfundenes Problem zu lösen. Unter normalen Umständen ist er ein Eidgenosse, der Regeln vorbildlich befolgt und niemandem Schaden zufügt. Sein Umfeld ist deshalb von seiner Täuschung überrascht oder gar schockiert.

II. Der Raubritter iM Massanzug

Der Tätertyp Raubritter im Massanzug sucht bewusst und geduldig nach Tatgelegenheiten. Er ist auffallend diszipliniert, zielstrebig und setzt Visionen in Taten um. Seine konfliktbereite Haltung macht ihn zu einem ernstzunehmenden Gegner. Spielerisch manipuliert er Arbeitskollegen, Wirtschaftsprüfer und andere Instanzen mit wenig Fraud-Erfahrung. Mit komplexen Verschleierungstechniken ist er hervorragend organisiert. Um bei drohenden Untersuchungen Verwirrung und Unsicherheit zu schaffen, legt er bereits vorab falsche Fährten.

Profile of a fraudster: The pin-striped predator creates false leads to throw others off the scent.

III. Der hedonistische Narzisst

Der hedonistische Narzisst neigt zu Selbstüberschätzung, ist arrogant und wenig kritikfähig. Er begeht die Tat, weil er davon überzeugt ist, aufgrund seiner Einmaligkeit nie erwischt zu werden. Dieser Wirtschaftsstraftäter-Typ verliert im für ihn schwer zu entkommenden Fahrwasser den Bezug zum Geld. Seine Anspruchshaltung ist zwanghaft. Der Anreiz ist aber nicht nur finanziell motiviert. Für ihn gehören das Katz-und-Maus-Spiel, die Überlegenheits-Demonstration oder der Adrenalinkick dazu. Die aufregende Jagd nach Bewunderung ist für ihn grenzenlos.

IV. Das leichtgläubige Opfer

Das leichtgläubige Opfer betrachtet sich als ein soziales Individuum. Aus Täter-Sicht wird er durch Profiteure fremdbestimmt. Dieser Wirtschaftsstraftäter-Prototyp ist nicht aktiv auf der Suche nach einer Tatgelegenheit. Doch um Beziehungen aufrechtzuerhalten oder sich an Enttäuschungen zu rächen ist er bereit, schwere Wirtschaftsstraftaten zu begehen. Dolose Handlungen nimmt er für einen höheren Zweck auf sich oder um Trennungsängste zu überwinden.

Wer die Täterprofile, ihre Muster und Motive genau kennt, kann rechtzeitig die richtigen Schlüsse ziehen und zielgerichtet vorgehen. Schäden lassen sich reduzieren oder gar abwenden. Durch Quickchecks lassen sich Situationen schnell und effizient analysieren. Vorbeugende und auch untersuchende Massnahmen werden damit leistungsfähiger.

Entwicklung des Tätertyps

Verfall des Verunglückten

Bei den tiefgehenden Gesprächen mit den Tätern konnte ich eine beunruhigende Feststellung machen. Sie berichteten mir, dass sie in ihrer kriminellen Karriere oft zuerst mit dem oben beschriebenen Prototypen des „verunglückten Weisskragentäters“ beginnen. Das Profil verändert sich mit bestimmten Ereignissen im Laufe der Zeit. Demzufolge besitzt diese Grundform ein „Ablaufdatum“.

Auferstehung des Raubritters

Bis heute ist mir kein Wirtschaftsstraftäter bekannt, der seinen unentdeckten Beutezug einfach unterbrochen hat. Im Gegenteil: Übertretungen in immer grösserem Stil werden von den Tätern als gewöhnliche Geschäftspraxis gerechtfertigt. Ihre Hemmschwellen sinken. Um nicht aufzufallen werden Betrügereien mit weiteren Manipulationen verschleiert. Ermutigt aus vorigen Taten perfektionieren sie ihre Vorgehensweisen mit der Zeit. Der oben beschriebene Raubritter im Massanzug ist erwachsen.

Experten-Tipp: Eine Aufdeckung wirtschaftskrimineller Handlungen wird insgesamt durch diese gängige Entwicklung zum Raubritter deutlich erschwert. Untersuchungen werden umfassender. Finanzielle Schäden werden höher. Reputations- und Haftungsrisiken werden grösser. Schützen Sie Ihr Unternehmen und sich selbst durch Fachexpertise und Sensibilisierung!

Zu guter Letzt

Umgekehrt ist die Frage berechtigt, was den regelbefolgenden Mitarbeiter ausmacht? Er nimmt zwar Tatgelegenheiten wahr, doch verübt er kein Delikt. Liegt das nur an seinen moralischen Werten? Meine Forschung an der Universität St. Gallen (HSG) und etliche Täter-Gespräche zeigen, dass das nicht der Fall ist.

Der Mitarbeiter prüft seine Wahrnehmung auf Unstimmigkeiten. Dabei kommt es vor, dass eine Handlung in der Unternehmenspraxis nicht der inneren Überzeugung entspricht. Um dann richtig zu entscheiden, muss die Arbeitskraft bescheiden genug sein, um die Tragweite des Entschlusses einzuschätzen. Vorausahnend, wo sie beeinträchtigt sein könnte, ist sie fähig, einen zweiten Blick auf ihre Absichten zu werfen.

Meine Empfehlung: Das Training dieser erlernbaren Fähigkeit muss bei Schulungen auf Ihre Agenda!

Wenn Sie nicht wissen, mit wem Sie es im Falle des Falles zu tun haben, wird es schwierig Fährten zu lesen, Risiken zu beurteilen und sich zu schützen. Der typische Wirtschaftskriminelle weiss genau was sein Gegenüber hören möchte. Zusätzlich mit seiner vertrauenserweckenden Art öffnet ihm dies Tür und Tor. Doch bringen nicht alle Täter identische Profile mit. Um den unterschiedlichen Typen gerecht zu werden, sind Massnahmen-Kombinationen wirksam. Erst damit wird eine zielgerichtete Prävention und Untersuchung möglich.

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Dr. Alexander Schuchter

Seit 2008 arbeite ich in der Wirtschaftskriminalität, doch nicht als Täter. Als Geschäftsführer der Schuchter Management GmbH unterstütze ich Führungskräfte & Unternehmen.

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