Forensische Sonderuntersuchung bei Wirecard

30. Juni 2020 | Sonderbeitrag – Wirecard | von Dr. Alexander Schuchter

“Die [Untersuchenden] wussten ja gar nicht, wie sie überhaupt die Sache anpacken sollen. Das war mein Vorteil, unter Anführungszeichen natürlich.”

Wirtschaftsstraftäter-Aussage | Eigene Befragung

 

Wirecard ist in aller Munde. Warum der Fall keine Überraschung ist und was wir daraus lernen können.

Auch ich hatte in Wirecard in Form von Aktien investiert – mit Betonung auf “hatte”, denn ich habe meine Anteile rechtzeitig verkauft. Darüber hinaus warnte ich andere.

Warum sind die aktuellen Ereignisse also nicht aus heiterem Himmel gekommen? Durch die Vielzahl unübersehbarer Warnsignale, handelt es sich zweifellos um einen Bilderbuchfall. Für meine Weiterbildungen wird der Fall deshalb ab sofort in die Beispiel-Reihe eingeordnet.

Nachfolgend fasse ich die 20 relevantesten Warnsignale zusammen:

 

1. Warnsignal: Bereits seit 2008 wurde Wirecard mit zweifelhaften Geschäften und irreführender Bilanzierung in Verbindung gebracht.

2. In den Jahren 2010, 2016, 2017 und 2019 wurden weitere konkrete Andeutungen massiver Ungereimtheiten und sogar Betrugsanschuldigungen in der internationalen Presse veröffentlicht.

3. Auffällig war damals bereits, dass sich Wirecard zu schweren Anschuldigungen entweder gar nicht oder zeitlich stark verzögert äusserte und

4. gegen Kritiker sowie untersuchende Journalisten rechtlich besonders aggressiv vorging.

5. Wirecard ist die letzten Jahre wortwörtlich aus allen Nähten geplatzt. Längst ist aus früheren Manipulationsskandalen bekannt, dass interne Kontrollsysteme sowie die Verteidigungslinien mit derart schnellem Wachstum kaum mehr Schritt halten können. Tote Winkel, die aus unterentwickelten Kontrollmechanismen resultieren, werden von Tätern gezielt ausgenutzt.

6. Was produziert Wirecard überhaupt? Das neuartige Geschäftsmodell von Wirecard ist äussert komplex und nicht leicht zu durchschauen. Die Produkte von Wirecard sind nicht greifbar und schwer verständlich. Eine Überprüfung auf Existenz ist anspruchsvoll. Hohe Komplexität wird von Tätern gerne missbraucht, um darin zweifelhafte Geschäfte zu verstecken.

7. Um den Gläubigererwartungen weiterhin gerecht zu werden und um wettbewerbsfähig zu bleiben, wurde die letzten Jahre in grossem Stil zusätzliche Fremdfinanzierung erforderlich. Eine exorbitant steigende Verschuldung waren die Folge und setzten Wirecard noch weiter massiv unter Druck.

8. Ein kurzer Blick auf die Bilanz verrät, dass Zahlungsmittel von rund Euro 2 Milliarden mit einem erhöhten Risiko einhergehen.

9. Das Management von Wirecard wurde ohne kompensierende Kontrolle durch eine einzige Person dominiert: Markus Braun. Er war seit fast zwei Jahrzehnten in der Rolle als Chief Executive Officer (CEO) und gleichzeitig Chief Technology Officer (CTO) aktiv.

10. Zudem war Herr Braun gleichzeitig der grösste Einzelaktionär von Wirecard und ist übermässig am Aktienkurs sowie am Geschäftsergebnis interessiert.

11. Beinahe die Hälfte der Umsätze von Wirecard stammen aus Asien und Pazifik. Die meisten dieser Länder sind im Korruptionswahrnehmungsindex (CPI) von Transparency International weit unterdurchschnittlich platziert, was eine stark verwurzelte Korruption bedeutet. Wesentliche Geschäfte wurden in ausländischen Rechtsräumen mit unterschiedlichem Geschäftsumfeld und -kultur getätigt.

12. Philippinische Banken parkierten angeblich hunderte Millionen von Wirecard auf Treuhandkonten. Die Philippinen erhielten im Jahr 2019 einen CPI-Wert von 34 – also hinter Kolumbien und der Elfenbeinküste.

13. Anfang 2020 überschlagen sich dann die Ereignisse. Mit sofortiger Wirkung wurde überraschend die Spitze der Oberaufsicht von Wirecard ausgewechselt.

14. Wiederholt verzögerte sich das Testat der Wirtschaftsprüfer sowie die Veröffentlichung des Abschlusses 2019.

15. Weitere Warnsignale waren im Bericht der forensischen Untersuchung vom April 2020 zu finden. Mangelnde Kooperationsbereitschaft von Wirecard war bei der Aufarbeitung der Verdachtsmomente zu beobachten: Untersuchungsrelevante Unterlagen waren nicht auffindbar und

16. wurden um Monate verzögert geliefert.

17. Zentrale Dokumente wurden nur in Form von Kopien oder Scans geliefert, was die Prüfung einer Übereinstimmung mit dem Original verunmöglichte.

18. Zudem wurden für die Aufklärung essentielle Interviewtermine bei Wirecard mehrfach verschoben.

19. Darüber hinaus verweigerten Drittpartner die Zusammenarbeit mit den forensischen Prüfern.

20. Die forensische Untersuchung wurde bereits in der breiten Öffentlichkeit nervös diskutiert. Doch wollte Wirecard bis zuletzt keine Erklärung zum Inhalt oder zum Stand der Untersuchung abgeben

Wo Rauch ist, ist auch Feuer. Am 18. Juni 2020 gestand Wirecard ein, dass Euro 1.9 Milliarden an Bankguthaben fehlen.

Es gibt 3 Prüfer mit gänzlich unterschiedlichen Aufgaben und Pflichten:

  1. Interne Revisoren und
  2. Wirtschaftsprüfer (= externe Revisoren) werden leider oft mit
  3. forensischen Prüfern verwechselt.

Der Fall Wirecard macht wieder einmal deutlich, dass die forensischen Prüfer zu spät beauftragt wurden. Ob die Verantwortung der internen und externen Revisoren im Fall Wirecard wahrgenommen wurde, wird sich noch herausstellen. Fest steht, dass die internen und externen Revisoren bereits stigmatisiert sind.

Die forensischen Prüfer haben ihre Arbeit geleistet und den Fall aufgedeckt. Doch wenn der Karren bereits seit längerer Zeit rollt und dadurch mit hoher Geschwindigkeit gegen die Wand fährt, ist in den seltensten Fällen noch viel zu retten.

Warnsignale wurden von Verantwortlichen und weiteren Beteiligten über Jahre nicht erkannt, ignoriert oder falsch interpretiert. Aus dieser Missachtung resultieren unerfreuliche und einschneidende Konsequenzen.

 

Es bestätigt sich erneut, dass forensische Untersuchungen frühzeitig bereits bei Verdacht durchzuführen sind. Damit wird Vermögen geschützt, Haftung reduziert, Reputation gewahrt und die eigene Karriere gerettet.

*Es gilt weiterhin die Unschuldsvermutung für Wirecard sowie für genannte Personen.

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Dr. Alexander Schuchter

Seit 2008 arbeite ich in der Wirtschaftskriminalität, doch nicht als Täter. Als Geschäftsführer der Schuchter Management GmbH unterstütze ich Führungskräfte & Unternehmen.

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