Fraud Warnsignale und Auffälligkeiten

15. September 2019 | Top 6 Warnsignale | von Dr. Alexander Schuchter

“Ich bin sehr wachsam gewesen, habe alle Fühler ausgestreckt und versucht, sehr unauffällig zu sein.”

Wirtschaftsstraftäter-Aussage | Eigene Befragung


Wie gut erkennen Sie Manipulationen, die bereits den Weg in Ihr Büro gefunden haben? Bei Täuschungsmanövern hinterlassen Mitarbeitende verräterische Spuren. Es sind Warnsignale, die sich im Verhalten oder im Datenmaterial zeigen. Wer diese richtig zu deuten weiss, kann Auffälligkeiten frühzeitig entdecken.

 

Durch die Wahrnehmung von Warnsignalen wird eine präzise Beurteilung von Fraud-Risiken ermöglicht. Wirksame Kontrollen, Massnahmen der Fraud-Früherkennung und Prävention werden geschaffen. Finanzielle Verluste, Reputationsschäden und Haftungsrisiken können reduziert werden.

TOP 6 WARNSIGNALE für die Schweizerische Berufspraxis:

1. Auffälligkeiten im Verhalten

Bei Verhaltensauffälligkeiten gibt es geschlechterspezifische Tendenzen. Aus früheren Fraud-Fällen ist bekannt, dass bei Frauen häufiger familiäre Probleme für ihre Taten ausschlaggebend waren. Bei den männlichen Kollegen waren hingegen vermehrt ungewöhnlich nahe Beziehungen mit Kunden und Lieferanten zu beobachten.

In rund 90 % aller Fraud-Fälle zeigen Täter mindestens ein Verhaltenswarnsignal. Die am häufigsten sichtbare Auffälligkeit ist das Leben über die eigenen Verhältnisse. Es ist jedoch ein Indikator, der erst nach der Tat wahrnehmbar wird.

Beispiel: Studien belegen, dass das berufliche Umfeld ein neues Luxusauto oder ein Ausbau des exklusiven Weinkellers oft erst spät mit Fraud in Zusammenhang brachte.

2. Tarnungen im Datenmaterial

Leistungsfähige Supercomputer und künstliche Intelligenzen unterstützen uns bei Big Data-Analysen. Intelligente Software wird insbesondere bei der Früherkennung von Fehlverhalten wichtiger.

Warnsignale im Datenmaterial

Maschinelles Lernen wird bei der Aufdeckung von Fraud eingesetzt. Psycholinguistische Programme analysieren sogar in Echtzeit Emotionen im Datenmaterial und machen Vorhersagen.

Für eine Reihe hochwirksamer Massnahmen ist KEINE besondere Software nötig. Analytische Prüfungshandlungen, Compliance-Kontrollen etc. können mit leicht umsetzbaren Methoden der modernen Datenanalytik kombiniert werden.

Praxis-Beispiel: Einige Verfahren sind z. B. mit Microsoft Excel® umsetzbar. Bei unseren forensischen Sonderuntersuchungen (Fraud Investigations) in der Schweiz erwiesen sich u. a. Zifferntests, Lücken- und Duplikatsprüfungen als effizient.

3. Geschriebenes & Gesprochenes

Dass sich ehrliche von unehrlichen Statements in der Wortwahl und Formulierung unterscheiden, lässt sich durch jahrzehntelange Forschung belegen. Geheimdienste bedienten sich an den erfolgreichsten Methoden und entwickelten diese fortlaufend weiter.

Tipp: Für Professionals können diese Errungenschaften bei Compliance- und Revisionsgesprächen, der Sichtung von Unterlagen oder im Tagesgeschäft entscheidend sein.

 

Gesprochene sowie geschriebene Sätze beinhalten mehr als nur inhaltliche Informationen und enthüllen zahlreiche Botschaften. Bei wahren Aussagen existieren bestimmte Gesetzmässigkeiten, während diese bei unwahren Statements mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zutreffen.

Praxis-Beispiel: So kann ein Mangel an überprüfbaren Details ein solches Warnzeichen sein. Ehrliche Aussagen beinhalten häufig spezifische Einzelheiten. Für diejenigen, die frei erfundene Geschichten erzählen, reicht das Vorstellungsvermögen oft nicht so weit.

4. Typisches Täterprofil

In rund 2/3 aller meiner untersuchten Fraud-Fälle der letzten Jahre hörte ich wiederholt: „Diese Person habe ich als sehr integer kennengelernt. Eine solche Straftat hätten wir ihr am wenigsten zugetraut.“

Unsere Forschung zeigt ein typisches Täterprofil, welches sich vom vorbildlichen Manager unterscheidet. Wirtschaftsdelinquenten sind meist hervorragend integriert, haben ein starkes Bedürfnis nach sozialer Anerkennung und eine ausgeprägte sozialmanipulative Intelligenz.

Der typische Täter weiss genau, was sein Gegenüber hören möchte. Durch gezieltes Vortäuschen von Kooperation wird das berufliche Umfeld manipuliert. Unbemerkt schafft der Täter es, andere für die eigenen Zwecke zu instrumentalisieren.

5. Mikroexpressionen

Neue wissenschaftliche Erkenntnisse belegen die Zuverlässigkeit bestimmter Mikroexpressionen. Für den Bruchteil einer Sekunde erscheinen minimale Muskelbewegungen und offenbaren maskierte Emotionen. Ähnlich wie bei einem Lügendetektor werden damit unbewusst unsere wahren Emotionen preisgegeben.

Durch Sensibilisierung können Professionals aus prüfenden Berufen verdeckte Emotionen dechiffrieren, dadurch Unstimmigkeiten identifizieren und dann auch darauf reagieren.

Praxis-Tipp: Ein leichtes und wiederholtes Schulterzucken bei essentiellen Fragen gilt als ein aussagekräftiges Warnsignal. Dabei existieren jedoch auch zahlreiche Fehleinschätzungen. Das betrifft vor allem die allgemeinen Anzeichen der Nervosität.

6. Risikofaktoren

Aus Fraud-Fällen der letzten Jahrzehnte war es uns möglich, einige Faktoren ausfindig zu machen, die situationsbedingt auf ein erhöhtes Fraud-Risiko hindeuten.

Praxis-Beispiel: Überaus häufig anzutreffen waren u. a. formelle und informelle Beschränkungen der Durchführung von Prüfungstätigkeiten. Daraus resultierten meist unangemessene Einschränkungen bei Zugang oder Kommunikation. Das Heranziehen von Informationen wurde durch Bedingungen oder Barrieren erschwert.

 

Diese ‚lessons learnt‘ helfen uns dabei, kritische Situationen in Zukunft besser einzuschätzen. Herausragend sind jene Risikofaktoren, die zusammen mit Fraud besonders häufig in Erscheinung treten.

“We are the good guys. We are on the side of angels.”

Aussage im Jahr 2001 von Jeff Skilling | CEO von Enron

Zu guter Letzt

Warnsignalen mit gesundem Menschenverstand und Bauchgefühl zu begegnen, kann trügerisch sein und zu falschen Schlussfolgerungen verleiten. Entscheidend ist fundiertes Know-how, um Auffälligkeiten und Ablenkungsmanöver rechtzeitig zu entdecken und richtig zu deuten.

Teilnehmende unseres eintägigen Kurses an der HSG in St. Gallen werden für die gängigen Warnsignale sensibilisiert.

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Dr. Alexander Schuchter

Seit 2008 arbeite ich in der Wirtschaftskriminalität, doch nicht als Täter. Als Geschäftsführer der Schuchter Management GmbH unterstütze ich Führungskräfte & Unternehmen.

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