Forensische Interviews sind durch nichts zu ersetzen

13. August 2018 | Forensische Interviews | von Dr. Alexander Schuchter

“Ich hatte die Kontrollen auch bei mir und … habe denen irgendetwas erzählt, wie aus einem Geschichtebuch für Kinder. Nichts hat der Tatsache entsprochen … und die [Prüfenden] waren zufrieden, das ist das Problem.

Wirtschaftsstraftäter-Aussage | Eigene Befragung


Worauf sollten Sie bei forensischen Interviews achten? Wie wenden Sie forensische Interviewtechniken an?

 

Ein professionelles forensisches Interview ist kein Verhör. Selbstverständlich variiert die “Schärfe der Befragung” der Sachlage und dem Verlauf des Gesprächs entsprechend. Das ist auch ein Grund, warum das forensische Interview durch nichts ersetzt werden kann. Auch nicht durch anonyme schriftliche Befragungen.

Wenn Sie auf vermutetes oder bereits bestätigtes Fehlverhalten stossen, klärt ein forensisches Interview die Situation

  1. DISKRET,
  2. EFFEKTIV und
  3. EFFIZIENT auf.

Entgegen vorherrschender Meinung werden mittels forensischer Interviews nicht nur Verdächtige, sondern auch unbedenkliche, integre Personen aus dem Täter-Umfeld befragt. WARUM?

  1. Unsere Erfahrung zeigt: Dadurch werden entscheidende Informationen gewonnen.
  2. Ein klarer “tone from the top” wird vermittelt: Damit ist kommuniziert, dass die Angelegenheit ernst genommen und Fraud nicht geduldet wird. Mitarbeitende sind erleichtert, dass ihr Unternehmen proaktiv gegen Fehlverhalten vorgeht.

Ziel unserer forensischen Interviews ist es, einen maximalen Informationsgewinn zu erreichen. Folgendes ist dabei zu beachten:

Planung & Gesprächsvorbereitung

Vorhandene Fakten über Fehlverhalten

Ziel eines forensischen Interviews ist es, so viele wahre Informationen wie möglich zu gewinnen sowie gegebenenfalls Widersprüchlichkeiten aufzulösen. Dafür benötigt es eine professionelle Vorbereitung. Für ein erfolgreiches Interview ist die Kenntnis der Ausgangslage also unerlässlich. Der Interviewer sollte sich

  • vorab einen Eindruck über die Befragten verschaffen,
  • eine erste Einschätzung vornehmen und
  • seine Fragen entsprechend präzisieren.

Fakt: Forensische Interviews schaffen dort Transparenz, wo Transparenz benötigt wird. Ein erfahrener forensischer Interviewer kann durch eine gründliche Recherche die Befragung steuern und die Wirksamkeit erheblich beeinflussen.

Interviewleitfaden: Die richtigen Fragen stellen

Um ein bestmögliches Resultat zu erlangen, ist ein Interviewleitfaden erforderlich. Er dient dem Interviewer

  • als Anhaltspunkt und
  • hilft den Überblick zu bewahren.

Der Interviewer sollte trotz der vorbereiteten Fragen flexibel bleiben und sich am Gesprächsverlauf orientieren. Der richtige Umgang mit dem Befragten basiert auf Fähigkeit, Fachexpertise und Erfahrung. So konnten wir durch hunderte forensische Interviews – davon auch über 100 persönliche Tätergespräche – das erforderliche Gespür für unterschiedliche Situationen entwickeln.

Tipp: Folgefragen auf eine Antwort oder sogenannte “Kontrollfragen” können sich als aufschlussreich erweisen. Dabei wird in einem anderen Wortlaut nochmals dieselbe Frage gestellt, um mögliche Diskrepanzen in den Antworten festzustellen.

 

Forensische Interviews und Interviewleitfaden

Abklärung der Rahmenbedingungen

Der passende Rahmen für das Interview ist massgeblich für den Verlauf. Der Befragte sollte einerseits die Ernsthaftigkeit der Lage erfassen, andererseits aber nicht das Gefühl haben, verhört zu werden. Daher ist es ratsam, wenn

  1. die Gesprächseinladung durch Führungskräfte respektive C-Level erfolgt,
  2. Räumlichkeiten innerhalb des gewohnten Arbeitsumfeldes gewählt werden (mit Ausnahme der Befragung von Verdächtigen) und
  3. eine private Gesprächsatmosphäre geschaffen wird.

Neben diesen äusseren Faktoren müssen auch rechtliche Schritte wie eine potentielle Informierung des Betriebsrats eingehalten werden. Dasselbe gilt für die Wahrung der Richtlinien des Unternehmens.

Entwicklung einer Interviewstrategie

Die Durchführung eines forensischen Interviews erfordert viel Feingefühl. Der Interviewer findet eine Balance zwischen Gründlichkeit und Effektivität. Wesentlich ist das aktive Zuhören, welches sich aus

  1. der eigenen Körpersprache,
  2. kurzen Paraphrasen des Gesagten und
  3. dem Vermitteln von Verständnis zusammensetzt.

Nicht zu unterschätzen ist auch das richtige Timing der Fragen und das Ertragen von Gesprächspausen. Forensische Interviews sollten überwiegend anhand offener Fragen geführt werden, sodass die Antwort des Befragten über ein Ja oder Nein hinausgeht.

Tipp aus der Praxis: Unsere Erfahrung zeigt, dass “Warum”- & Suggestivfragen zu vermeiden sind (auch aus Gründen der Gerichtsverwertbarkeit). Derartige Fragen lösen bei Befragten oft einen Rechtfertigungszwang aus – das kann auch beabsichtigt sein. Doch in der Regel entwickelt sich der Gesprächsverlauf damit wenig zweckdienlich.

 

Um den Wahrheitsgehalt der Aussagen zu überprüfen ist es ratsam, vom Allgemeinen ins Detail vorzudringen. Um das bestmöglichste Ergebnis der Befragung zu erzielen, sollte der Interviewer daher u.a. über folgende Fertigkeiten verfügen:

  • schnelle Reaktion bezüglich der Umsetzung forensischer Techniken
  • fundierte und praxiserprobte forensische Methodenexpertise
  • präzises forensisches Urteilsvermögen
  • hohe Flexibilität die Kommunikationssituation betreffend
  • einschlägige forensische Interviewerfahrung

Forensische Interviewtechniken

Vier Phasen forensischer Interviews

Forensische Interviews setzen sich aus vier Teilen zusammen:

  1. Baseline
  2. Vorstellungsphase
  3. Befragungsphase
  4. Abschlussphase

Die sogenannte “Baseline” bezeichnet das erste Zusammentreffen zwischen Interviewer und Befragten. Hier wird mittels lockerer Gesprächsführung ein Vertrauensverhältnis aufgebaut.

Die Baseline ist vor allem deshalb von Bedeutung, da der Interviewer hier das natürliche Verhalten des Befragten beobachten kann. Auf diese Weise können spätere Abweichungen davon schneller erkannt und interpretiert werden. In der Vorstellungsphase

  1. stellen sich Interviewer und dessen Begleitung (z. B. Protokollführer) vor,
  2. informieren über die Aufzeichnung des Gesprächs und
  3. den Grund der Befragung.

Durch die Situationserklärung ist die Kooperationswahrscheinlichkeit erhöht. Die Befragungsphase selbst sollte seitens des Interviewers Grossteils aus Zuhören bestehen. Im Idealfall übernimmt der Befragte 80% des Redens. In der Abschlussphase werden dann Kontaktdaten für etwaige weitere Anmerkungen ausgetauscht.

Experten-Tipp: Am Ende des Interviews kann es hilfreich sein, den Gegenüber direkt zu fragen, ob es etwas gibt was noch nicht gesagt wurde. Anschliessendes Schweigen des Interviewers steigert die Antwortbereitschaft.
Zusatz-Tipp: Aus unserer Erfahrung können wir nicht genug betonen, dass dem Befragten in der Abschlussphase die Kontaktmöglichkeiten attraktiv zu präsentieren sind. Mehr als einmal ist es bereits vorgekommen, dass entscheidende Hinweise von Befragten erst nach Gesprächsabschluss geliefert wurden.

 

Forensische Interviews, Gespräche und Interviewtechniken bei Schuchter

Reaktion auf bestimmt Verhaltensweisen

Auch hier gilt die Regel: Schweigen ist Gold. Stille regt den Befragten zu einer Erklärung seines Verhaltens an. Die Vermittlung von Verständnis seitens des Interviewers schafft zudem eine Vertrauensatmosphäre, welche eine lockere Konversation ermöglicht.

Unsere Erfahrung zeigt: Gelingt es einem Experten diesen Wohlfühl-Faktor herzustellen, gibt der Befragte umso mehr Informationen preis.

Taktiken & Ermittlungsstrategische Überlegungen

Die forensischen Interviewtaktiken sind erlernbar und helfen dem Interviewer dabei, schwierige Situationen zu meistern. So kann es z. B. sinnvoll sein, Aussagen des Befragten in eigenen Worten zu wiederholen. Je nach Kontext können Ton und Timing noch vor dem gesagten Inhalt richtungsweisend sein.

Glaubhaftigkeit & Glaubwürdigkeit

Verbale Warnsignale & Körpersprache

Um Anzeichen einer Verhaltensänderung zu erkennen, wird der Vergleich mit dem gewöhnlichen Verhalten obligatorisch. Erst in Gegenüberstellung damit lassen sich Warnsignale (Red Flags) ausmachen.

Ein professioneller forensischer Interviewer erkennt aus einer Anzahl von Hinweisen durchschnittlich zwischen 95 und 98% aller Unwahrheiten. Es gibt hunderte fundierte Indikatoren, die auf Auffälligkeiten hindeuten, wie z. B.

  • bestimmte Körperhaltungen
  • augenfälliger Blickkontakt
  • selektives Gedächtnis
  • Veränderung der Tonlage
  • Wiederholen gewisser Frage
  • Bezeugung des guten Charakters etc.
Vorsicht: Nicht jedes Signal entspricht automatisch einer falschen Behauptung. Der Wahrheitsgehalt kann anhand von Mustern verschiedener Auffälligkeiten im Gesamtbild bestimmt werden. Ein fähiger forensischer Interviewer kann bei unerwarteten Anzeichen sofort einlenken und seine Verfahrensweise anpassen.

Widersprüchlichkeiten mit vorliegenden Fakten

Für den Interviewer ist es unerlässlich, umfassend informiert in das Gespräch zu gehen. Befragte tendieren gerne dazu, unangenehme Einzelheiten zu übergehen.

Prüfung der Personalakten durch das HR

Diese Massnahme kann insbesondere bei der Befragung von Verdächtigen sinnvoll sein. Uns ist klar, dass die Einsicht in die Personalakten keine gewöhnliche Prüfungstätigkeit ist. Um diesen Schritt zu erleichtern, kann die Prüfung auf konkrete Zusammenhänge von einer verantwortlichen HR-Person übernommen werden.

Geschichte aus unserer Praxis: Durch die Veranlassung einer Prüfung der Personalakten drei Verdächtiger durch das HR konnte sich der konkrete Verdacht bereits vor den Interviews erhärten. So war es uns möglich Widersprüche des Befragten zu erkennen und einen vollständigen Eindruck über die Lage zu gewinnen. Diese Vorab-Prüfung ermöglichte uns eine diskrete, rasche und kostengünstige Überführung eines Mittäters.

Formen der Dokumentation

Forensische Interviews & Protokollierung

Die Art der Protokollierung wird mit dem Auftraggeber oder der Geschäftsleitung vereinbart. Es handelt sich auch um eine Frage individueller Umstände:

  1. der Zweck der Interviews,
  2. der ungestörte Interviewfluss und
  3. der Arbeitsaufwand.

Damit forensische Interviews gegebenenfalls auch vor Gericht standhalten können, ist das Gespräch ordnungsgemäss zu dokumentieren. Dabei wird oft auf das schriftlich verfasste und unterzeichnete Protokoll zurückgegriffen. Seltener kommt das Tonband infrage.

Forensische Interviews und Arten der Protokollierung
Tipp: Grundsätzlich ist eine sichtbare Form der Protokollierung ratsam, da dies die Ernsthaftigkeit des Gesprächs zusätzlich unterstreicht. Unsere Erfahrung zeigt, dass sich damit auch das Ausmass falscher Anschuldigungen respektive Anschwärzungen in Grenzen halten lässt.

ZU GUTER LETZT

Das forensische Interview stellt, wenn richtig ausgeführt, für interne Angelegenheiten den geringsten Ermittlungsaufwand dar. Anhand forensischer Interviewtechniken können

  1. Systemlücken gefunden und geschlossen,
  2. mögliche Erfolge identifiziert,
  3. wie auch Fraud vorgebeugt werden.

Ohne Zweifel sind forensische Interviews wesentlich anspruchsvoller als herkömmliche Interviews. Doch bleiben damit oft umfangreiche und kostspielige DATENANALYSEN ERSPART. Um allerdings den maximalen Informationsgewinn zu erhalten, erfordert es die Fähigkeit, Fachexpertise und Erfahrung eines forensischen Experten.

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Dr. Alexander Schuchter

Seit 2008 arbeite ich in der Wirtschaftskriminalität, doch nicht als Täter. Als Geschäftsführer der Schuchter Management GmbH unterstütze ich Führungskräfte & Unternehmen.

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