29. Oktober 2017 | Dolose Handlung | von Dr. Alexander Schuchter

“Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser – das würde ich nur bedingt unterschreiben. Wenn ich jemanden, dem ich eigentlich vertrauen sollte zu viel kontrolliere, dann erzeuge ich bei demjenigen Misstrauen … Ob das sehr positiv für eine Zusammenarbeit ist, das weiss ich auch nicht und ist wie in einer Ehe. Wenn man dem Partner nicht vertraut, dann ist es besser man heiratet nicht.”

Wirtschaftsstraftäter-Aussage | Eigene Befragung

 

 

Besonders bei betriebsinternen Weiterbildungen zu forensischen Themen begegnet mir als Schulungsleiter immer wieder die Frage: „Können die vielfältigen dolosen Handlungen überhaupt auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden?“

Ja, das funktioniert. Meine Antwort mag vielleicht überraschen. Die Gemeinsamkeit fast aller dolosen Handlungen ist der massive Vertrauensmissbrauch.

Was ist eine dolose Handlung? Welche Beispiele gibt es? Wie kommt es dazu?

Definition zu "dolose Handlung"

Bei der Frage, was nun dolos ist, liefert der Blick in die Forschung eine Antwort. In der Betriebswirtschaft, Rechts- und Sozialwissenschaft wird der Begriff „dolose Handlungen“ häufig als Synonym für deliktische, fraudulente, deviante, delinquente, widerrechtliche oder wirtschaftskriminelle Handlungen verwendet.

Das Gegenteil doloser Handlungen ist rechtlich zulässiges oder konformes Handeln mit legalen Leistungen. Dann ist vom sogenannten „guten Kaufmannshandeln“ und von „Integrität“ die Rede.

Wortherkunft von „dolos“

Dolos stammt aus dem lateinischen von „dolus“ und bedeutet arglistige Täuschung, List, Heimtücke und Trug. „Dolos“ wird gelegentlich durch den Zusatz „malus“ ergänzt, um den vorsätzlich böswilligen Aspekt zu betonen und vom fahrlässigen abzugrenzen.

Revision: Dolos oder einfach nur fehlerhaft?

Internationale Standards der internen und externen Revision machen einen klaren Unterschied zwischen:

  • Dolosen Handlungen und beabsichtigten Falschdarstellungen – alias „Fraud“ &
  • unbeabsichtigten Unrichtigkeiten und Nichteinhaltungen ohne Täuschungsintention – alias „Error“.

Rechtlich zulässige Beweise einer Absicht zu finden erweist sich oft als schwierig. Da beabsichtigte Verstösse gegen gesetzliche Vorschriften in der Regel nicht sofort unterstellt werden dürfen, verwendet beispielsweise die externe Revision in Deutschland im Fachjargon den Überbegriff der Unregelmässigkeiten.

Bei der internen Revision rückt ein breites Spektrum an dolosen Handlungen ins Blickfeld. Während beim Begriffsvergleich mit der externen Revision – also Wirtschaftsprüfung – lediglich zwischen

  1. Manipulationen der Rechnungslegung &
  2. Vermögensdelikten

differenziert wird. Dieser Umstand lässt sich durch den jeweiligen Verantwortungsbereich der Revisoren und ihrer Risikobeurteilung begründen. Während der Abschlussprüfer hauptsächlich den Jahresabschluss prüft, hat der interne Revisor ein grösseres Tätigkeitsfeld.

Beispiele doloser Handlungen

Als ich vor einem Jahrzehnt mit meiner Doktorarbeit an der Universität St. Gallen (HSG) begann, dachte ich – zugegeben, aus heutiger Sicht etwas naiv –, dass ich bekanntere Fälle doloser Handlungen mittels Akteneinsicht studieren könne.

Als ich hochmotiviert den 3 Meter hohen Saal der „Gerichts-Bibliothek“ (auch Akten-Ablage genannt) betrat und nach den Akten des konkreten Falls fragte, war der Richter leicht irritiert und sagte: „Alles das was Sie hier in den 30 Meter-Regalen sehen, das sind die Akten zu diesem Fall.“ Damit wurde mir klar, dass diese Fälle, im Vergleich zu Gewaltverbrechen, sehr viel komplexer sind.

Innerbetriebliche VS. externe dolose Handlung

In der beruflichen Praxis halte ich wenig von der landläufigen Unterscheidung zwischen innerbetrieblichen und unternehmensexternen dolosen Handlungen. Bevor man diese theoretisch-abstrakte Trennung macht, sollte man Folgendes wissen:

Bei vielen der mir bekannten dolosen Handlungen sind pro Fall mindestens ein Mitarbeiter und ein Unternehmensexterner involviert, z. B. bei Korruption und Bestechung. Es ist also oft eine Mischung aus interner und externer doloser Handlung.

Beispiele nach Häufigkeit und Schäden

Die nachstehenden Beispiele doloser Handlungen sind häufig in der Praxis vertreten, wie mir meine Erfahrung als Geschäftsführer und ehemaliger Big Four-Prüfungsleiter gezeigt hat. Massive finanzielle Verluste sind die Folge. Aus Angst vor Imageschäden gelangen die wenigsten Fälle an die Öffentlichkeit.

Praktisch sinnvoll, insbesondere mit Blick auf die Risikobeurteilung, ist eine Unterscheidung nach Auftretenshäufigkeit und Schäden von Wirtschaftskriminalität.

In meiner beruflichen Praxis nehme ich häufig folgende dolose Handlung wahr:

  • Bestechung, Korruption
  • Betrug, Unterschlagung, Veruntreuung, Untreue, Missbrauch von Firmeneigentum
  • Dokumenten-, Urkundenfälschung, falsche Identitäten
  • Erpressung
  • Insiderdelikte, Insiderhandel
  • Insolvenzdelikte, betrügerische Krida
  • IT- und Cyber-Kriminalität
  • Kredit-, Versicherungsbetrug
  • Schwarzarbeit, Sozialkriminalität
  • Social Engineering, CEO Fraud oder Fake President Fraud
  • Steuerdelikte
  • Zolldelikte

Nachstehende dolose Handlungen sind im Vergleich dazu seltener publik. Dafür beobachte ich genau hier die gravierendsten finanzielle Verluste und zahlreiche existenzbedrohende Konsequenzen:

  • Bilanzmanipulation
  • Imageschädigungen durch Fake News
  • Geldwäsche oder Geldwäscherei
  • Produktpiraterie, Industriespionage, Markenmissbrauch
  • Verstösse gegen das Wettbewerbsrecht

Schnell wird klar, dass bestimmte dolose Handlungen nicht in allen Unternehmen im gleichen Ausmass vorhanden sind. Beispielsweise ist das Risiko der Geldwäscherei im Finanzdienstleistungsbereich insgesamt höher als in der Industrie.

Tipp: Risiken sind unternehmensspezifisch, individuell und fortlaufend neu zu beurteilen! Eine erhöhte Achtsamkeit gilt beispielsweise bei betrieblichen Umstrukturierungen. Risiken sind grundsätzlich nur zu erkennen, wenn die Mitarbeiter die Awareness haben.

Unwissenheit schützt vor Strafe nicht

Bei obenstehender Unterteilung nach Häufigkeit und Schäden doloser Handlungen habe ich auf die direkt entstehenden monetären Verluste geachtet. Nicht eingerechnet sind individuelle Haftungsrisiken, Reputationsschäden und die persönlichen Konsequenzen für Führungskräfte.

Bei etlichen Gesprächen mit Geschäftsführern wurde mir klar: Den Verantwortlichen ist manchmal gar nicht bewusst, dass sie sich bei dolosen Handlungen ihrer Mitarbeiter ebenso strafbar machen können. Auch Unwissenheit schützt vor Strafe nicht. Folgen sind Karriere-Knick, persönlicher Ansehensverlust, Strafzahlungen, Inhaftierung, Erpressbarkeit, Vertrauensverlust, Entfernung naher Angehöriger etc.

Praxistipp: Haben Sie alle erforderlichen Vorkehrungen getroffen, um dolose Handlungen bei Ihren Mitarbeitern zu verhindern? Ist das auch mit der erforderlichen Sorgfalt dokumentiert?

Zutreffend ist hier das Sprichwort „not documented, not done“. Bei der Strafzumessung wird das Gericht genau das prüfen lassen und Ihnen positiv anrechnen – sofern auch umgesetzt!

Wie es dazu kommt? Gründe!

Warum kommt es zu dolosen Handlungen? Wer könnte das wohl am besten beantworten? Genau, es ist der Wirtschaftsstraftäter selbst. Ohne Zweifel können nur Täter die Hintergründe und Auslöser von ihren dolosen Handlungen erklären.

Sie können sich sicher vorstellen, dass man als Forscher (nicht in den konkreten Fall involviert und unabhängig) mit Gesprächen auf einer freiwilligen Basis die ehrlichsten – und damit auch wertvollsten – Informationen erhält. An einer der führenden Wirtschaftsuniversitäten Europas hatte ich die besten Voraussetzungen die zahlreichen Gespräche mit den hochkarätigen Tätern vorzubereiten und auszuwerten.

Befragte täter geben Aufschluss

Erst nach mehreren Dutzend persönlichen Gesprächen und wissenschaftlichen Interviews mit Wirtschaftsstraftätern konnte ich etliche wiederkehrende Muster doloser Handlungen erkennen. Ich möchte Ihnen einen kurzen Einblick hinter die Kulissen in meine Welt der verurteilten Täter geben.

Der Laie staunt, der Fachmann wundert sich

Sogenannte „Experten“, die kaum unabhängige und ernsthaft seriöse Gespräche mit Wirtschaftsstraftätern führten, erklären die Gründe für dolose Handlungen. Leider werden damit Behauptungen in die Welt gesetzt, die wenig mit der Realität zu tun haben.

Ein Praxisbeispiel: Es ist ein Irrtum zu glauben, dass dolose Handlungen ausschliesslich auf monetären Belangen beruhen. Vor allem dann, wenn es um viel Geld geht. Das ist einer der gängigsten Irrtümer, die Sie zu katastrophalen Schlussfolgerungen verleiten. Greifen Sie auf Spezialisten zurück, die Ihre Expertise belegen können! In diesem Kontext ist also DAS RICHTIGE KNOW-HOW entscheidend – und weniger eine möglichst hohe Anzahl an Berufsjahren!

Die Erklärung der betrieblichen Praxis

Mit meinen Tätergesprächen beabsichtige ich unter anderem den in der globalen Praxis am weitesten verbreiteten Erklärungsansatz zu untersuchen: Das „Fraud Triangle“.

Das Dreieck stellt eine essentielle Praxisgrundlage für Revisoren, Compliance-Spezialisten, Risikomanager, Forensiker und andere Berufsstände dar. Es besagt, dass es zu dolosen Handlungen kommt, wenn folgende 3 Elemente zusammenkommen:

Täter beurteilen das Dreieck

Das „Fraud Triangle“ hat eine beschränkte Sicht: Die Realität lässt sich nicht in 3 Elemente pressen, die die dolosen Handlungen begründen sollen. Pro Tätergespräch konnte ich bisher ungefähr 30 Themen ausfindig machen, die unterschiedlich stark tatauslösend sind. Hierzu sei insbesondere auf folgende Beiträge verwiesen: Security Journal und Accounting Forum.

Dazu 3 Hintergrundinformationen:

  1. Die Gelegenheit muss bei allen dolosen Handlungen ausnahmslos immer vorhanden sein und auch wahrgenommen werden. Ohne Gelegenheit gibt es unverblümt gesagt keine dolose Handlung. Dennoch ist dieses Element fast immer unzureichend. Es benötigt also mehr als das.
  2. Der Druck als Teil der Motivation wird von den Tätern besonders häufig als massgeblich tatauslösend beschrieben. Das ist eine wichtige Erkenntnis, wenn es um interne Untersuchungen oder Prävention geht. Hier anzusetzen ist besonders wirksam.
  3. Bei der Rationalisierung – oft auch als Rechtfertigung bezeichnet – gibt es ebenso Neuigkeiten. Bisher ging man nur von einer tatrechtfertigenden inneren Stimme aus. Zu meiner Überraschung konnte ich auch das Gegenteil ausfindig machen: Und zwar eine tatverhindernde innere Stimme mit einem „Ablaufdatum“. Ziel muss es sein, dieses Ablaufdatum nie zu erreichen. Gelingt dies nicht, werden Gelegenheiten ausgenutzt.

Fazit: Die Beweggründe der Täter sind sowohl für interne Ermittlungen als auch für die zukünftige Abwehr doloser Handlungen essentiell. Sich wiederholende Muster können wesentlich leichter erkannt werden. Die Vorgehensweise der Täter verstehen zu lernen verschafft an dieser Stelle den entscheidenden Vorsprung.

Zu guter Letzt

Wie dieses Ablaufdatum möglichst nie erreicht wird, ist ein Bestandteil meiner Inhouse-Trainings. In einem weiteren Blog-Beitrag zu „Fraud Prävention: So verhindern Sie Mitarbeiterdelikte“ verrate ich Ihnen mehr dazu.

Dolos bedeutet also wirtschaftskriminell. Betroffene Unternehmen erklären sich die Taten oft irrtümlich mit Gier. Die Realität lässt sich nicht auf eine Ursache reduzieren und auch nicht in ein Dreiecks-Modell pressen. Die Denk- und Vorgehensweise der Wirtschaftsstraftäter zu kennen schafft mehr Klarheit. Denn ohne tiefgehende Fachexpertise drohen schwerwiegende Konsequenzen.

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Dr. Alexander Schuchter

Seit 2008 arbeite ich in der Wirtschaftskriminalität, doch nicht als Täter. Als Geschäftsführer der Schuchter Management GmbH unterstütze ich Führungskräfte & Unternehmen.

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